Ein Shrek in Mudgee

Sydney Merrylands, 26.12.2014

Warum wieder Merrylands? Das ist eine längere Geschichte.

Am vergangenen Freitag haben wir uns auf den Weg zu unserem Weihnachtshost in Mudgee gemacht. Die Zug- und Busfahrt dorthin gestaltete sich ausgesprochen angenehm. Für uns – als deutsche Bürger – waren die absolute Pünktlichkeit, die perfekte Organisation und der Komfort in Verbindung mit dem geringen Preis aber vor allem dem ausgesprochen höflichen und gut gelaunten Personal eine regelrechte Überforderung. Man stelle sich doch mal einen strahlenden deutschen Busfahrer über Weihnachten vor, der einem auf der zweistündigen Fahrt die schöne Landschaft zeigt und sich dafür entschuldigt, dass der im Bus leider keine Getränke ausgeben kann, da die Küche fehlt! Alles in Allem waren wir insgesamt ca. 6 Stunden unterwegs und haben zu zweit 100$ bezahlt. Dafür hatten wir reservierte Plätze in Bahn und Bus. Im Zug herrschte in der Economy Class mehr Komfort als in jedem Flieger. 1m Sitzabstand, Klapptische, verstellbare Lehnenneigung, das bereits angesprochene nette Personal und angemessene Preise im Bordbistro. Nur saßen wir leider am einzigen beschlagenen Fenster des ganzen Zuges. Bei der Busfahrt hatten wir dann allerdings eine super Aussicht – sozusagen die Pole Position in der ersten Reihe hinter einem gigantischen Bullen-, oder besser Kängurufänger. Gerade für Mia war das ein entscheidender Vorteil. Landschaftlich hatte die Fahrt viel zu bieten, hat uns aber auch bewusst gemacht, welchen unglaublichen Schaden Menschen hier angerichtet haben. Da der Baumbestand fehlt, wird der Boden langsam abgetragen. Was wir jedoch auch wahrgenommen haben, ist die Wertschätzung für Wasser. Hier wird kein Bach kanalisiert oder Wasserlöcher zugeschüttet. Stattdessen wird jeder Tropfen von Hängen, Dächern und Straßen aufgefangen und zur Bewässerung der Pflanzen und zum Tränken des Viehs verwendet. Das Wasser vom Himmel wird übrigens im Allgemeinen zur Speisung des häuslichen Wassersystems genutzt und kann getrunken werden.

Aber nun zurück zur Reise oder besser der sonnigen Ankunft in Mudgee. Die Haltestelle sieht, wie die gesamte Stadt auch, aus, als hätte sie man aus einem Westernfilm nach Australien verfrachtet. In der Wartezeit auf unsere Host(s) hat sich Clemens einen zum Verkauf stehenden Ford Fortuna am Straßenrand angeschaut und wir haben festgestellt, dass man scheinbar auf dem Land sehr günstig an wenig gefahrene und geräumige Autos kommt – dieses Modell mit gerade einmal 190.000 km auf der Uhr sollte 2800$ kosten. Dafür zahlt man in Sydney rund 5000$.

Dann war es soweit. Unsere Gastgeberin Gabrielle holte uns mit einem ziemlich verdreckten, zu gerumpelten Auto ab und machte bereits hier einen leicht zerstreuten Eindruck auf uns. Zuerst nahm sie uns mit zu ihrer Schwimmschule, einem 12,5m Pool in einem Gewächshaus, wiederrum in einer Industriehalle. Auch hier war es leicht chaotisch, aber das lag vielleicht daran, dass sie dieses Projekt erst vor 6 Monaten gestartet hat. Nach etwa 2 Stunden kamen dann Kinder zum Schwimmunterricht und Clemens durfte mit rein. Fast eine Stunde lang hat er mit den Kindern gespielt, die ihre helle Freude mit ihm hatten und mit ihren Fingernägeln ihre Spuren an ihm hinterließen. Er hatte ebenfalls sehr viel Spaß mit den Kids und war in seinem Element. Eines der Kinder meinte am Schluss strahlend zu ihm: „It was so fun, having you here today!“

Nach dem Schwimmen waren wir noch schnell einkaufen. Wir sollten nur für uns einkaufen und als wir sie gefragt haben, was sie normaler Weise isst, hat sie mit den Schultern gezuckt. So langsam beschlich uns dann doch ein seltsames Gefühl. Von Mudgee aus ging es noch eine halbe Stunde mit dem Auto übers Land, vorbei an tollen Weingütern und Reitställen. Am Tor zur Farm erwarteten uns gleich ein paar pelzige Alpakas und viele Feigenbäume, sowie wilde Kängurus die uns interessiert anschauten. Jedoch verstärkte sich unser komisches Gefühl beim Anblick der auf dem Grundstück, auch für die Alpakas zugänglichen, herumliegenden Reste von Schuppen, Rasenmähern, Pumpen und weiterem. Der erste Eindruck vom Haus war wieder nett, mit einer tollen Sitzgruppe im Vorgarten. Der wiederum zugemüllte Schuppen, sowie diverse herumliegende Gegenstände trübten diesen jedoch sofort wieder. Und im Haus wurde es nicht besser. Wir möchten an dieser Stelle auf Details verzichten und euch lieber die schönen Bilder vom Grundstück zeigen. Worauf wir aber kurz eingehen wollen, war unser recht massiver Erstkontakt mit Australiens giftigen Spinnen. Clemens hat ein wenig die Krise bekommen, da er an einem Tag mehreren Rotrückenspinnen, einer Huntsman-Spider (genaue Übersetzung steht aus, da wir nicht genau wissen, welche Art uns begegnet ist) in unserem Zimmer, zwei Sydney-Trichternetzspinnen und anderen viel zu großen Spinnen begegnet ist. DenTrichternetzspinnen ist er viel zu nah gekommen und hat sich furchtbar erschreckt. Denn wie wir im letzten Beitrag gelernt haben, sind die aggressiv, super giftig und die gefährlichsten Spinnen Australiens.

Gabrielle ist definitiv kein schlechter Mensch, jedoch für unser Empfinden in Bezug auf ihre Farm wenig engagiert und zu wenig auf eine gewisse Ordnung und Sauberkeit bedacht. Für uns stand es daher nicht zur Debatte, Weihnachten bei ihr zu verbringen. Daher baten wir sie uns am Sonntag wieder nach Mudgee zu bringen, damit wir den Nachmittagsbus nach Lithgow nehmen konnten.

Da wir aber eben schon da waren, haben wir den Sonntag noch genutzt um uns Mudgee anzuschauen. Der Eindruck der Westernstadt verfestigte sich. Und wieder begeisterten uns die unglaublich offenen und freundlichen Menschen. Christine in der Tourist Information erlaubte uns, unsere Rucksäcke in der Personalküche abzustellen, damit wir sie nicht den ganzen Tag mit uns herumtragen müssen. Außerdem empfahl sie uns einen kleinen Laden mit dem Namen „The Shop“ in dem es sehr guten Wein sowie Bio-Honig und hausgemachte Chutneys gibt. Wir als kleine Gourmets mussten da natürlich hin. Allerdings nicht ohne vorher den „Historical Walk“ durch Mudgee zu machen. Zwar ist es immer wieder amüsant, wenn man Häuser von 1855 oder Kirchen von 1860 anschaut, die als wirklich alt bezeichnet werden, aber alles ist wunderbar hergerichtet und sehr gepflegt. Vor der St. Paul’s Presbyterian Church kamen wir mit dem Pfarrer ins Gespräch, der uns natürlich sofort als Touristen identifizierte, ansprach und ganz begeistert war, als wir erzählten wir kämen aus Deutschland.

„The Shop“ war dann tatsächlich eine super Empfehlung. Wir probierten uns durch 6 Weine, kauften eine Flasche Rosé und waren anschließend ganz schön angetüdelt. Merke: Schwere Rotweine sind definitiv nicht für 35°C im Schatten geeignet. Also erst mal ab in den Schatten und auf der Wiese im Park eine Runde schlafen. Danach setzten wir uns noch in ein kleines sehr gemütliches Café, tranken einen Bananen-Honig-Milchshake *.* und aßen ein Stück Karotten-Ananas-Kuchen (beides zusammen für nur 6,50$!!). Die letzte Stunde bevor der Bus kam, vertrieben wir uns dann noch mit dem kostenlosen! Internet in der Tourist Info. Weiß jemand warum es sowas in Deutschland nicht gibt?

Die Busfahrt war erneut sehr angenehm, diesmal aber günstiger. Pünktlich 18 Uhr erreichten wir Lithgow und machten uns auf den Weg zu unseren neuen Gastgebern Heather und Denis, die wir über www.couchsurfing.com gefunden hatten. Die begrüßten uns bereits strahlend vor ihrem Haus, weil sie sich gesorgt hatten, wo wir bleiben und uns gerade entgegenlaufen wollten. Eine so herzliche Begrüßung erlebt man wirklich selten. Wir waren ja, da dies unsere erste Couchsurfing-Erfahrung werden sollte, etwas aufgeregt, aber bei den Beiden haben wir uns sofort wie zu Hause gefühlt. Sie leben momentan in einer Übergangswohnung, denn ihre riesige Farm und das dazugehörige Land ist seit 9 Monaten „verkauft“ und es leben bereits die neuen Eigentümer drin, aber die Bürokratie verzögert den offiziellen Verkauf. Sobald der erledigt ist wollen sie erneut umziehen und haben bereits eine super schönen Immobilie in Lithgow ins Auge gefasst. Wir wurden dann gleich mit dem super süßen, wenn auch sehr aufgeregten und leicht hyperaktiven Blue Australien Cattle Dog Welpen Smokey bekannt gemacht. In dieser Rasse steckt unter anderem Dingo, was ihm wohl auch dieses tolle und ursprüngliche Aussehen gibt, das wir beide so mögen. Nach dem gemeinsamen Abendessen folgte der erste Abend mit tollen Gesprächen und einer Runde Quiddler. Das war aufgrund der Fremdsprache recht anspruchsvoll, aber gleichzeitig springt dabei ein nicht zu unterschätzender Lerneffekt bezüglich neuer Vokabeln raus. Nach einer Dusche in dem herrlich sauberen Bad fielen wir beide ihn einen entspannten und tiefen Schlaf. Wir haben uns also wirklich wie zu Hause gefühlt, genau das was wir nach der letzten Erfahrung brauchten.

Am nächsten Tag waren wir zu nächst mit Denis und Smokey (das ist der Hund) spazieren und uns wurde die Stadt gezeigt sowie das potenzielle neue Haus. Wieder einmal haben wir festgestellt, dass die Australier ihre Städte und Freizeitanlagen außerordentlich schön anlegen und diese auch sauber sind. Wir sind doch tatsächlich hier in Australien noch nicht über einen Hundehaufen gestolpert. Auch bemerkenswert: der Planet (ja, es ist eigentlich ein Stern) knallt erbarmungslos auf dich herunter – das kann man sich als Europäer gar nicht vorstellen. Nachmittags, als Clemens unwissend aus der Dusche kam, saßen dann Inga und Luise am Tisch und unterhielten sich mit Denis. Die beiden sind, wie die Namen unschwer erkennen lassen, ebenfalls deutsch, beide 19 Jahre alt und hatten auf ihrer Reise durch Australien bereits vor uns ein Zimmer bei unseren tollen Gastgebern zugesprochen bekommen. Nach einem kurzen Kennenlernen beim Lunch hat uns Denis zu einer Rundfahrt in der Umgebung eingeladen. Wir haben ein kleines Städtchen mit einem großes Stausee angeschaut, sind auf 1.100m zum „Hassans Walls Lookout“ gefahren und im Anschluss haben wir Heather am Campus besucht. Das ist mal eine Uni! Das USWCollege befindet sich im „Charles Hoskins Memorial Institute“. Einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das erst vergangenes Jahr für ca. 9 Mio. Dollar saniert und zum Campus umgestaltet wurde. Hochmoderne Unterrichts- und Laborräume in historischen Räumen (Kamine und Stuck wurden restauriert), Computerkabinette die 22h 7 Tage die Woche für Lernende geöffnet sind und eine 2 Zimmer Wohnung für aus Sydney anreisende Lehrkräfte; dieser Campus hat wirklich alles was das Herz begehrt. Besonders gut fanden wir, dass es in den Lehrräumen für die Studenten ordentliche Stühle gab, ergonomisch geformt, gepolstert und mit schwingenden Rückenlehnen. Wer schon mal eine 3-Stunden-Klausur auf den Klappstühlen deutscher Unis verbracht hat, wird verstehen, was das bedeutet 😉

Zuletzt sind wir mit Denis noch zum alten Eisenwerk gefahren, dass Lithgow einst zu seiner Blüte verholfen hat. Es ist wirklich beeindruckend die Überreste eines solchen Werkes mal aus nächster Nähe betrachten zu können. Außerdem gab es einiges Interessantes über die Eisengewinnung, Arbeiteraufstände und die einzelnen Teile des Werks zu lesen.

Am Abend gab es noch eine Runde Quiddler. Und Inga hat uns alle abgezogen 😀

Für den nächsten Tag hatte uns Heather eingeladen zum Campus zu kommen und dort den Internetzugang zu nutzen. Ein Angebot, das wir Vier aus der „Generation Internet“ nur zu gern annahmen. Aber erst nachdem Denis und Clemens heldenhaft das Auto der Mädels „repariert“ hatten. Nach einem späten Mittag und einem schnellen Einkauf haben wir Deutschen Tarte au Chocolat gebacken. Kosten konnten wir allerdings noch nicht, da die Tarte zunächst abkühlen musste und wir von  Heather, die ihren letzten Arbeitstag hatte, auf ein paar Drinks in den Pub eingeladen wurden. Dort wurde uns dann noch ein weiteres Spiel beigebracht: Sequence. Ebenfalls sehr spaßig. Und diesmal waren wir etwas besser und vor allem Clemens hatte seine Freude, da es weniger mit Glück als vielmehr mit Strategie zu tun hat. Das sagt zumindest die Verpackung des Spiels 😉 Danach gab es noch eine Runde Pool, bei der sich die Inga und Luise ziemlich gut behauptet haben, dafür dass es ihr erstes Mal war. Maria musste natürlich den im Pub aufgestellten Schieß-Spielautomaten ausprobieren. Clemens war allerdings besser beim zielen. Da hat sich sein Gezocke an der Xbox doch mal bezahlt gemacht. Unsere Performance war aber alles in allem zufriedenstellend.

Im  Anschluss wurden wir von Heather und Denis auch noch zum Pizzaessen (yummy) eingeladen. Und danach wurde die Tarte au Chocolat verkostet. Die haben wir echt super hinbekommen, Kompliment an die Mädels (und uns selbst). Das müssen wir in Deutschland wiederholen. Noch mehr als den Kuchen haben wir allerdings die Gespräche über Reisen, das Leben und über’s Glücklichsein genossen. Heather hat dabei etwas über unseren Aufenthalt hier in Australien gesagt, das, wenn wir unser letztes Jahr betrachten, nur zu wahr ist: The journey you’ve meant to have!

Nach einem leckeren Frühstück hieß es dann schon wieder packen, auch für Denis und Heather. Die sind nämlich am 24. zur Familienweihnachtsfeier in ihrem Ferienhäusschen aufgebrochen.

An dieser Stelle eine Frage: Wie viele Deutsche samt Gepäck inklusive Campingausrüstung und Rucksäcken passen in einen Toyota Corolla?

Die Antwort: 4

Kuschelig zusammengepresst, mit Weihnachtsmusik und guter Laune machten wir Vier uns dann auf den Weg nach Katoomba, wo Luise und Inga ihre neue Unterkunft bezogen. Nach einem gemeinsamen Kaffee trennten sich schließlich unsere Wege. Aber nur vorerst. Über Silvester wollen wir uns hier in Sydney wiedersehen.

Wir sind nun erneut bei Teri im Stadtteil Merrylands und nutzen die Weihnachtstage, um fleißig wie die Bienen unseren weiteren Aufenthalt zu organisieren.

 

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